Heimat hat viele Facetten. Jeder interpretiert sie anders, aber alle eint das Gefühl von Ur-Geborgenheit. Heimat ist eben da, wo man sich wohlfühlt, wo man sein kann wie man ist, und wo man gerne lebt. Was zeichnet Mönchengladbach als Heimat aus? Wie wird Heimat im digitalen und globalisierten Zeitalter erlebt? Wir starten eine Entdeckungsreise!

Nierskind. Das ist Heimat, so doppeldeutig wie prägend. „Wir haben diesen Namen für unser Restaurant gewählt, weil man gerne zurückkehren möchte. Nierskind ist ein Ort, an dem man sich trifft, die Stimmung genießt und wo man sich ein kleines Stück Zuhause fühlt“, erklärt Nierskind-Geschäftsführer Dirk Schlütter. Der Markenname stammt von Axel Tillmanns, Geschäftsführer des Stadtsportbundes: „Als wir damals unsere Agentur gründeten, wollten meine Frau und ich unbedingt einen Agenturnamen mit lokalem Bezug. Wir haben einen Großteil unserer Kindheit an der Niers verbracht. Meine Frau war hier immer mit ihrem Pferd unterwegs, ich habe als kleiner Junge ständig Staudämme gebaut.“

Heimat ist Erinnerung, die Erinnerung an Gebäude und Plätze. „Orte aus der Kindheit sind stets verbunden mit vielen Gefühlen und Emotionen“, erklärt Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des bekannten Rheingold-Instituts, das mit qualitativen Markt- und Medienanalysen bundesweit Bekanntheit erlangte.

Heimat ist Unternehmertum
Heimat wird seitjeher auch durch ortsansässige Betriebe geprägt. Große Arbeitgeber wie Scheidt & Bachmann und Trützschler sind weltweit aktiv, aber hier tief verwurzelt. Als Odenkirchen 05/07 beispielsweise finanzielle Unterstützung für einen neuen Fußballplatz brauchte, war Trützschler zur Stelle. Die Entwicklung eines städtebaulichen Masterplans wäre ohne das Engagement der Unternehmerschaft kaum möglich gewesen. Und weltweit bedeutende Menschen wie der Dalai Lama, Michail Gorbatschow oder Kofi Annan hätten niemals den Weg nach Gladbach gefunden, wenn nicht zahlreiche Unternehmen im Initiativkreis die entsprechenden Mittel bereitstellen würden.

Heimat neugestalten!
Neben den Traditionsunternehmen hat sich eine neue Generation aufgemacht, um Heimat neuzugestalten. Es werden sogar alte Traditionen neu entdeckt: In der Hensen-Brauerei wird wieder Bier gebraut! Nach 42 Jahren haben Jonas Rödig und Patrick Schröder zusammen mit Brauerei-Inhaber Norbert Kamps das Ur-Gladbacher-Bier zurückgeholt. „Das Hensen-Bier gehört zu Gladbach wie die Butter zum Brot, schließlich haben wir die Quelle des Gladbachs bei uns im Keller“, sagt Norbert Kamps. Der Brauereichef hat drei weitere Sorten geplant, mit dem er künftig nicht nur die Mönchengladbacher glücklich machen will.

Alteingesessen ist auch die Süßwarenfabrik Ehren in Rheydt. Als der Inhaber vor ein paar Jahren erkrankte, übernahm Valentin Wessels das Geschäft. Der Jungunternehmer stammt vom Starnberger See und ist in Gladbach angekommen. Der neue Showroom „Schokoschurken“ ist Ausdruck einer Heimatverbundenheit: „Arbeit ist mein Leben. Für mich ist Heimat genau dort, wo ich mein Leben verbringe. Mit unseren Bonbons aus Mönchengladbach positionieren wir uns klar als regionale Marke“, betont der Bonbonmacher. Für Wessels erwacht die Stadt gerade aus ihrem Dornröschenschlaf. „Es gibt hier Menschen, die was bewegen wollen. Über soziale Medien kommt man beispielsweise unheimlich schnell mit Leuten in Kontakt. Und daraus entstehen Events und Aktionen.“

Delia Großmann und Jan-Niclas Müller haben an der Hochschule Niederrhein studiert. Als Start-up-Unternehmen wollen beide künftig online Motivtorten verkaufen. „Die Start-up-Szene in Mönchengladbach schafft eine Verbundenheit, die familiären Charakter hat. Gladbach ist ein guter Ort, um Wurzeln zu schlagen.“ Marc Nierwetberg, Vorsitzender des Vereins nextMG, kann das gut nachempfinden: „Heimat ist auch da, wo man eine Chance bekommt. Ich fühle mich dort heimisch, wo Leute Bock haben, etwas zu unternehmen.“ Der Raum für Spontanität, die Experimentierfreudigkeit und der schnelle Austausch untereinander seien Gründe für eine aufblühende Start-up-Szene: „Was früher eher negativ ausgelegt war, hat sich ins Gegenteil verkehrt: Weil die Stadt eine überschaubare Größe hat und eben keine Metropole ist, kennt man sich untereinander. Auch die Entscheidungswege sind kurz. Das kommt jungen Gründern entgegen.“

MG-Action-Town: Nicht meckern, sondern klotzen!
Die Stadt hat ihren Provinzmief hinter sich gelassen und wird heute anders wahrgenommen: Besser. Lebhafter. Fortschrittlicher. Früher wurde der Begriff „MG-Action-Town“ spöttisch belächelt, heute ist er durchaus wörtlich zu nehmen. Anstatt weiter rumzumeckern, hat sich die junge Kreativszene vorgenommen, etwas zu verändern. Hannah von Dahlen schuf die Plattform www.mg-anders-sehen.de, um Mönchengladbach neu erlebbar zu machen. „Die Stadt hat viel Potenzial, bietet Freiräume. Sie ist nicht fertig, sie ist unperfekt. Genau das ist das Spannende“, betonte die Bloggerin jüngst in einem Interview mit der Rheinischen Post.

„Ich bin stolz auf Mönchengladbach“
Ich bin stolz darauf, aus Mönchengladbach zu kommen – das ist ein Satz, den man in der Stadt immer öfter hört. Bei Facebook sind lokale Gruppen wie „Du bist Mönchengladbacher“ hip. Zweimal im Jahr gibt es ein „Familientreffen“ der besonderen Art, wo Gladbach auf Gladbach trifft: der Greta- und Claus-Markt. Vor acht Jahren begann der „Markt der schönen Dinge“ mit 15 Ausstellern. Initiiert wurden die Alternativmärkte von Myriam Topel und Nicole Schlürensauer. „Wir wollten Mönchengladbachs liebenswerte Seite zeigen“, betonen die Organisatorinnen. Heute sind Greta und Claus beliebte und identitätsstiftende Treffpunkte für jung und alt. „Man sieht sich wieder, genießt die gemeinsame Zeit und tauscht sich aus“, erklären die Macherinnen. Die Vitusstadt sei wie ein Dorf – und das ist in diesem Falle absolut als Kompliment gemeint!

Engagement bis in die Stadtteile
Etablierte und große Veranstaltungen wie das Eine-Stadt-Fest tragen diesen Gedanken weiter, Schützenfeste und der heimatstädtische Karneval sowieso. Das Wir-Gefühl wird bis in die einzelnen Stadtteile getragen. Wo früher nahezu ausschließlich Heimat- und Brauchtumsvereine Traditionen pflegten, haben neue Initiativen und Vereine wie Waldhaus 12, die Initiative Gründerzeitviertel oder die BIG Bürgerinitiative Geneicken viel für ihren Stadtteil getan. Ganze Stadtteile haben sich im Zuge dieses Engagements verändert. Wer das „Tuckelfest“ in Geneicken oder das „¼-Fest“ in Eicken besucht, spürt den Aufwind. „Mir gefällt die Vielfalt, die Eicken den Menschen bietet. Auch wenn wir hier viel Leerstand haben, stecken die Leute aber nicht den Kopf in den Sand. Hier leben engagierte Menschen, die diesen Stadtteil lieben und sich für tolle Projekte einsetzen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Eicken ist wie Familie“, erklärt Modedesignerin Eva Brachten, die in der Eickener Fußgängerzone einen Shop betreibt. Barbara Schwinges hat mit ihrer „Schauzeit“ in Rheydt ein Zeichen gesetzt und etwas gegen den Leerstand getan. Günter von Dorp belebt mit seiner Sommermusik Schloss Rheydt, Micky Hilgers macht den Hockeypark zur Konzertbühne für Weltstars. Selbst die hiesigen Weihnachtsmärkte haben ihr Schattendasein verlassen und Strahlkraft entwickelt. „Ich wollte schon immer auf dem Alten Markt einen Weihnachtsmarkt ausrichten. Ich bin meiner Heimatstadt sehr verbunden und Heimspiele sind doch am schönsten“, erklärt Schausteller Bruno Dreßen, der im Herzen der Stadt ein neues „Wir in Gladbach“-Gefühl entfacht hat. Heimatlich geprägt ist auch das Shoppingcenter: „Minto“ heißt auf Neudeutsch nichts Anderes als „Mein zu!“

Sport vermittelt Heimat
Ein Zuhause bietet auch Borussia Mönchengladbach. Der Verein verbindet, schafft Identifikation. Das sportliche Aushängeschild der Stadt engagiert sich in vielfältiger Weise für die Vitusstadt, beispielsweise durch seine Stiftung. Eine soziale Funktion übernimmt auch der Breitensport: „Der Sportplatz, auf dem man sein erstes Tor geschossen hat oder die Turnhalle, in der man erstmals am Reck geturnt hat – viele Sportstätten sind Teil unseres Heimatgefühls“, erklärt SSB-Geschäftsführer Axel Tillmanns.

Was bleibt, wenn man Heimat verlässt?
Alter Markt, Kaiser-Friedrich-Halle, Bunter Garten, Borussia Park –  die Wahrzeichen der Stadt bleiben stets in Erinnerung, wenn man Heimat verlassen muss. „Jeder verbindet damit Erlebnisse, die man nie vergisst“, sagt Stephan Grünewald. Der gebürtige Gladbacher kehrt regelmäßig zurück, um seine Familie zu besuchen oder Spiele der Borussia zu sehen. Die Vitusstadt sei nach wie vor der „place to be“, betont der Psychologe. „Eben der Platz, wo ich so sein kann, wie ich bin!“ Auch Grünewald ist und bleibt ein „Nierskind.“ Für immer.


veröffentlicht im VITUS-Magazin