Worauf müssen sich die Arbeitgeber einstellen? Wie denkt die Generation Y?  Dr. Jens Stuhldreier, Leiter der Regionalagentur NiederRhein, über feste  Arbeitszeiten und Work-Life-Balance.

Herr Stuhldreier, der Generation Y kommt in Zeiten des Fachkräftemangels eine besondere Bedeutung zu. Worauf müssen sich Arbeitgeber einstellen?

Die Arbeitgeber sollten wissen, dass in dieser Generation Jobsicherheit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Betriebsklima eine große Rolle spielen. Ein gutes Gehalt ist auch wichtig, aber es ist nicht mehr der bestimmende Faktor.

Welche Prioritäten müssen Unternehmen setzen, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden?

Flexible Arbeitszeitmodelle sind stark gefragt, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Die Arbeitszeiten müssen nach der Work-Life-Balance ausgerichtet sein. Feste Arbeitszeiten entsprechen in dieser Generation nicht mehr dem Zeitgeist. Auch die Unternehmenskultur muss den Bewerbern einiges bieten. Wird meine Arbeit gewertschätzt? Wie sieht es aus mit Transparenz?  Und welche Weiterbildungsmöglichkeiten werden im Betrieb vorgehalten? Auch mögliche Karrierechancen für Frauen und das betriebliche Gesundheitsmanagement spielen eine immer größere Rolle.

Sie sprechen Karrierechancen für Frauen an – gibt es immer noch ein Ungleichgewicht?

Leider ja. Frauen verdienen durchschnittlich 23 Prozent weniger in vergleichbaren Positionen. In Zeiten des Fachkräftemangels sind die Unternehmen im Vorteil, die  sich auch diesbezüglich stärker öffnen.

Wie wichtig sind gute Schulnoten?

In der heutigen Zeit werden Schulnoten leider immer noch überbewertet. Andere Kompetenzen wie die Individual- oder Sozialkompetenz sollten und werden zukünftig eine stärkere Rolle spielen. Es gibt genug Beispiele, dass Bewerber mit schlechten Schulnoten später exzellente Fachkräfte sind.

Dennoch klagen viele Unternehmen über mangelnde Qualifikation ihrer Bewerber? Ist das ein subjektives Empfinden oder belegbar?

Klagen hat Tradition! Das „Früher war alles besser“-Phänomen gab es schon immer. Aber Fakt ist, dass es immer mehr Menschen gibt, die schlecht vorbereitet ins Arbeitsleben starten, obwohl statistisch gesehen sogar höhere Bildungsabschlüsse erzielt werden.

Müssen die Unternehmen mehr tun oder ist das Aufgabe der Schulen?

Natürlich kann die primäre Aufgabe von Unternehmen nicht sein, schulische Defizite aufzuarbeiten. Allerdings müssen sich  Unternehmen auf eine höhere Betreuungsintensität einstellen. Bedingt durch den demografischen Wandel und Fachkräftemangel kann es sich die Wirtschaft nicht leisten, auf vorhandene Arbeitskräfte zu verzichten. Wer beispielsweise für eigene Auszubildende im Unternehmen schulische Nachhilfe anbietet, sorgt für bessere Rahmenbedingungen und einen besseren Abschluss. Eine Investition, die sich sicherlich lohnt, wenn der eigene Azubi dann als ausgebildete Fachkraft weiter zur Verfügung steht.


Interview im Standortmagazin CLEver Business 01/15, 30. Mär 2015